Demokratie braucht Haltung
„Wer glaubt, unsere Demokratie sei unantastbar, will nicht sehen, wie schnell sie sich auch bei uns abschaffen lässt“, sagte Oberbürgermeister Martin Papke am 27. Januar 2026 vor dem Gedenkstein im Weißenfelser Stadtpark. Während des Erinnerns an die Millionen Holocaust-Opfer zeigte er mit einem Zitat von Anne Frank, dass der damalige Zeitgeist den derzeitigen Umständen in den USA gleicht.
„Draußen ist es schrecklich. Tag und Nacht werden die armen Menschen weggeschleppt. Die Familien werden auseinandergerissen; Männer, Frauen und Kinder werden getrennt. Kinder, die von der Schule nach Hause kommen, finden ihre Eltern nicht mehr. Frauen, die ihre Einkäufe machen, finden bei ihrer Heimkehr die Wohnung versiegelt, ihre Familie verschwunden. Jeder fürchtet sich“, schrieb Anne Frank am 13. Januar 1943 in ihr Tagebuch. Das jüdische Mädchen versteckte sich mehr als zwei Jahre vor der Verhaftung in einer Amsterdamer Wohnung. Nach dem Verrat des Verstecks wurden Anne und ihre Familie in Konzentrationslager verschleppt. Sie starb im Frühjahr 1945 im KZ Bergen-Belsen.
„Die Szenen, die Anne Frank beschreibt, spielen sich heute wieder ab – in Demokratien, die so sicher galten wie unsere hier in Deutschland“, führte Martin Papke vor den mehr als 30 Teilnehmenden der Gedenkveranstaltung aus. „In den USA werden Menschen entrechtet, gefangen genommen und abgeschoben – nicht im Stillen, sondern in aller Öffentlichkeit.“ Solidarische Hilfe sei lebensgefährlich. Das US-Justizministerium verweigere unabhängige Ermittlungen.
Zur Frage, ob das, was derzeit in den USA passiere, auch in Deutschland Realität werden könne, wies der Oberbürgermeister darauf hin, dass auch hierzulande Extremismus und Diskriminierung in der gesellschaftlichen Mitte etabliert seien. „Demokratie ist nicht unantastbar.“ Wer glaube, dass er sich da raushalten könne, sei empathielos und gefährlich ignorant. „Unpolitisch zu sein, können wir uns in diesen Zeiten nicht leisten“, so das Stadtoberhaupt. „Denn Gleichgültigkeit ist der stärkste Verbündete derer, die Freiheit zerstören wollen.“
Vor dem Gedenkstein im Stadtpark sprach im Anschluss Enrico Kabisch. Er erinnerte insbesondere auch an die Weißenfelser Holocaustopfer, deren Namen nicht in die Stele eingraviert sind – sie gehörten ausschließlich zur Gruppe der Sinti und Roma. „Es gibt in Weißenfels noch keinen Gedenkort für diese Menschen“, sagte der Vorsitzende des Simon Rau Zentrums und bat alle Anwesenden, sich für dessen Schaffung einzusetzen.
Anschließend gedachten die Teilnehmenden in einer Schweigeminute der Millionen Toten des Holocausts. Mit einer Kranzniederlegung endete die Gedenkfeier.
Seit dem Jahr 1996 gilt der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Jahr 2005 wurde er von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts erklärt. Anlass war die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Streitkräfte am 27. Januar 1945. Von 1940 bis 1945 ermordeten die Nationalsozialisten allein in diesem Konzentrationslager mehr als eine Million Menschen.