Inhalt

Hier schreibt der Oberbürgermeister

LIEBE WEISSENFELSERINNNEN, LIEBE WEISSENFELSER,

endlich wieder Sommer und sicher freue nicht nur ich mich auf die bevorstehende Ferien- und Urlaubszeit. Tagsüber bekommen meine Kolleginnen und Kollegen und ich im derzeit verhüllten Rathaus vom Wetter allerdings wenig mit. Natürlich, die Temperaturen schon. Ansonsten fühlt es sich so an, wie das Arbeiten in einem von Christo und Jeanne-Claude verhüllten Gebäude. Sie erinnern sich? Das war das Künstlerehepaar, das zum Beispiel in Berlin den Reichstag verhüllte. Wobei leider ganz Zeitgeist, Jeanne-Claude in schöner Regelmäßigkeit vergessen wird zu benennen. Voriges Jahr, allerdings für beide postum, war dann die von ihnen lange geplante Verhüllung des Arc de Triomphe (frz., Triumphbogen) in Paris. Ganz richtig ist meine Wahrnehmung der künstlerischen Rathausverhüllung allerdings nicht, wurde doch in den letzten Wochen mittels „Presslufthammer“ der lose Putz entfernt. Das war dann gar nicht mehr künstlerisch, sondern eher wie bei der Olsenbande. Nur dass wir sozusagen im Tresor saßen. Schade, dass wir Stand heute auch zu unserem Schlossfest (ich bleibe einmal bei diesem Namen) noch die Rüstung stehen haben. Dafür strahlt die neugestaltete Fassade danach (und beispielhaft für viel Neues in der Stadt) für die nächsten 20 Jahre. Mindestens. Die zukünftige Farbgebung können Sie übrigens bereits heute erkennen. Während Historiker/Denkmalschützer ehemals an das „Altrosa“ glaubten, meint man, die historische Farbgebung sei heute gelb/weiß. Also genau so, wie der Turm des Rathauses schon gestaltet ist.

Was dieser Tage fertig wird? Fertig ist unsere Herderschule. Es ist ein Schmuckstück geworden. Von einem Umzug zurück der Kinder und der Lehrerinnen und Lehrer im laufenden Schuljahr habe ich Abstand genommen. Zu groß wäre wenige Wochen vor den Ferien die Veränderung. Aber sicher gibt es einen Festakt anlässlich des Endes der Sanierungsarbeiten zu Beginn des neuen Schuljahres in den neuen Räumen.
Dasselbe gilt übrigens für die Einstein-Schule. Nur dass hier die „Große Treppe“ der Klemmer gewesen ist. Und unsere Schwimmhalle? Die ist eigentlich auf der Zielgraden, hatte ich zumindest gemeint. Aber leider war dem nicht so. Sich ständig nach hinten verschiebende Fertigstellungstermine zwangen uns nun, einen externen Rechtsbeistand ins Boot zu holen. Ziel ist dabei ganz klar: Die Öffnung erfolgt mit dem neuen Schuljahr. Spätestens!
Eigentlich freue ich mich, dass überhaupt etwas fertig wird. Allerorten Personal- oder Materialmangel. Dabei vorausgesetzt, es nimmt überhaupt ein Unternehmen an einer Ausschreibung teil. Insgesamt bedeutet für meine Kolleginnen und Kollegen eine endlose Mehrarbeit, ohne ein abrechenbares Ergebnis präsentieren zu können. Wenn Sie dafür ein sprachliches Bild brauchen, stellen Sie sich einfach einen Hamster im Laufrad vor. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn die Verwaltung zusätzlich mit mehr oder weniger sinnhaften Anträgen überhäuft wird.
Egal, ob es um eine halbseitige Sperrung der Langendorfer Straße geht (für die Errichtung eines Pop-up Radweges), ob es sich um die Ausweisung von Graffitiflächen handelt (was die Mehrzahl der Immobilienbesitzer ablehnt) oder um die Errichtung eines zweiten Parkhauses. (Nur mal so: Das erste Parkhaus, das 1999/2000 für 3,4 Millionen Euro gebaut wurde, verursacht seit seiner Eröffnung für den städtischen Haushalt Jahr für Jahr ein Defizit von 50 000 Euro.) Also: Was ist daran eigentlich nicht zu verstehen, wenn ich anzeige, dass die Kolleginnen und Kollegen des Baubereichs mehrheitlich überlastet sind und sein werden. Und da hat unsere Dreißig-Millionen-Euro-Baustelle „Schloss“ noch nicht einmal begonnen. An der Stelle darf ich meinem Amtsnachfolger schon mal viel Erfolg wünschen, sich auf das Notwendige und Machbare zu konzentrieren, ohne Visionen aus dem Blick zu verlieren.
Auf das Baugeschehen möchte ich gleich noch einmal Bezug nehmen. Immer, wenn wir mit Fördermitteln „unterwegs“ sind, sind wir auch angehalten, die Dinge zu Ende zu bringen. Das betrifft auch Baustellen „im Bau“! Wenn aber ringsherum sich vieles auflöst, Preise und Fertigstellungstermine zum Glücksspiel werden, müssen auch wir neu denken. Und so habe ich einen Stopp der Projekte Grundschule Uichteritz und der neuen Kita Wengelsdorf angeordnet. Natürlich schweren Herzens, waren doch beide Vorhaben nicht nur genehmigt, sondern auch durchfinanziert. Aber bei ungewissem Ausgang? Also verhalten wir uns als Stadt wie die freie Wirtschaft: Abwarten und beobachten.

Begonnen hatte ich mit „endlich wieder Sommer“. Und so finden und fanden vielerorts Feste, Events, Vereinsfeierlichkeiten etc. statt. Herzlichen Dank an alle Organisatoren und meine Kolleginnen und Kollegen, die manchmal nicht wissen, wo zuerst sie beginnen sollen und dabei trotzdem mit hoher Professionalität am Werk sind. Umso ärgerlicher ist es, wenn dabei etwas schiefläuft. Ich spreche hier von dem Unfall zu unserem Kinderfest Anfang des Monats. Nur zum Verständnis: Die Kinder und ihre Eltern hatten trotz des Geschehens ein Riesenglück. Beim Umkippen einer Hüpfburg hätten noch ganz andere Folgen als ein verletzter Arm und Prellungen die Folge sein können. Eine Erfahrung, die ich den Kindern auch gern erspart hätte, ist der Schock, auf einmal Teil einer chaotischen Menschentraube zu sein.
Derzeit sind wir dabei, den Unfall aufzuarbeiten. Doch letztlich sind wir als Stadt der Veranstalter gewesen, weshalb ich mich hier noch einmal und von ganzem Herzen bei allen Betroffenen entschuldigen möchte. Etwas war nicht korrekt und dies wurde nicht erkannt. Dabei geht es mir nicht vorrangig darum, die Schuldfrage zu klären. Viel wichtiger ist es, zukünftig eine Wiederholung des Geschehens zu verhindern – egal in wessen Verantwortung. Daran setzen wir alles. Deswegen habe ich die Einrichtung einer Arbeitsgruppe angewiesen. Ihr gehören Juristen, Techniker und das Veranstaltungsmanagement an. Alle sind gefragt, sich mit ihren Erfahrungen einzubringen.
Und vielleicht noch einmal persönlich. Ich war am Freitag, dem 3. Juni, im Vorfeld des Unfalls selbst auf dem Festplatz. Habe mich vor Beginn des Festes bei allen Beteiligten erkundigt und gleichzeitig für das Engagement bedankt. Aber auch ich habe nicht realisiert (obwohl bestimmt gesehen), dass es keine Verankerung der Hüpfburg gab. Also egal, was ich perspektivisch mache: Eine Hüpfburg werde ich zukünftig ganz anders wahrnehmen. Und vielleicht als Bitte an Sie: Schauen Sie zukünftig im Interesse Ihrer Kinder oder Enkel bei solchen Attraktionen genau hin. Ein an sich harmloses Spielgerät kann zur Gefahr werden!

Apropos „Gefahr“: Gefährlich ist auch die derzeitige Entwicklung in der Welt. Und damit möchte ich doch noch zum Ukrainekrieg kommen. Vielleicht sollten wir uns einmal daran erinnern, was Aufgabe eine Gewehrkugel ist. Einen Menschen zu töten. Vielleicht sollten wir uns anstelle der aktuellen Berichterstattung einfach mal wieder „Wozu sind Kriege da“ von Udo Lindenberg und Pascal Kravetz von 1981 anhören. Für die Jüngeren unter Ihnen: Udo Lindenberg ist der durchgeknallte Typ, der über zwanzig Jahre im Hotel Atlantic Kempinski in Hamburg residierte. In dem Lied werden einfache Fragen zum Krieg aus Sicht eines Kindes gestellt. Und vielleicht sollten wir uns fragen, warum nicht ein Bruchteil der Hunderten von Millionen Euro für Waffen in die Dritte Welt zur Erzeugung von Nahrungsmitteln fließt? Es geht mir dabei nicht nur um das Hier und Heute. So wie wir heute am „Tropf“ der Energie (Russland) und der Konsumgüter (China) hängen, sind große Teile der Dritten Welt wohl vom Getreide des kriegführenden Teils von Europa abhängig. Wir hier in Deutschland können Energie sparen, auf Konsum verzichten. Meine Mutter hat noch Strümpfe gestopft. Unangenehm, aber nachhaltig. Sollten dagegen in den schon heute armen Ländern dieser Erde Lebensmittel – und dazu gehört auch Wasser – noch mehr zur Mangelware werden, haben wir es nicht mehr nur mit Flüchtlingsbewegungen zu tun, sondern mit Völkerwanderungen. Aber auch für einen solchen Fall kann man ja aufrüsten …
Das sind alles Probleme, die vielleicht schon die nächste Generation stark beschäftigen werden. Und die Folgen des Krieges müssen ja auch von uns hier in Deutschland bezahlt werden. Dabei gilt es bei den derzeitigen vermeintlichen Steuergeschenken im Hinterkopf zu behalten, dass bereits ein Prozent Inflation zehn Milliarden Mehreinnahmen des Staates bedeuten. Das ist effektiver als jede Steuererhöhung. Somit bezahlen wir als Steuerzahler letztlich doch das Neun-Euro-Ticket oder die Spritpreissenkung selbst, in noch größerem Umfang aber unsere Kinder. Wir sollten schleunigst umdenken.


Herzlichst


Robby Risch
Oberbürgermeister

(Text geschrieben am 13. Juni 2022)