Starkes Netzwerk für Betroffene von Gewalt in Weißenfels
Die Weißenfelser SOS-Gruppe häusliche Gewalt und Stalking kam am Ende März 2026 im Weißenfelser Rathaus zusammen. Vertreterinnen und Vertreter von etwa 20 verschiedenen Fachstellen, Beratungsdiensten und Institutionen des Hilfesystems aus Weißenfels, Naumburg und Hohenmölsen tauschen sich hier regelmäßig aus. Organisiert werden die Treffen seit fast 32 Jahren vom Weißenfelser Frauenhaus. Etwa alle sechs Monate kommen die Beteiligten zusammen, um aktuelle Entwicklungen und gemeinsame Vorgehensweisen im Hilfenetzwerk zu besprechen. Von Beginn an engagiert sich auch die Stadt Weißenfels mit dem Ordnungsamt und der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten in der SOS-Gruppe. Beim jüngsten Treffen im März beteiligten sich zudem das Polizeirevier Burgenlandkreis, die Interventionsstelle Halle (Saale), das Jugendamt, das Jobcenter, das örtliche Teilhabemanagement der Behindertenbeauftragten des Burgenlandkreises sowie das Bildungs- und Beratungsinstitut (BBI) Weißenfels.
Die Zahlen häuslicher Gewalt nehmen laut dem Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes seit Jahren zu. Deutschlandweit gab es im Jahr 2024 knapp 266.000 Opfer von häuslicher Gewalt. Das ist im Fünfjahresvergleich ein Anstieg um fast 18 Prozent. Etwa 70 Prozent der Gewaltopfer sind Mädchen und Frauen. Durchschnittlich ist damit alle drei Minuten eine Frau von häuslicher Gewalt betroffen. Fast jeden Tag stirbt in Deutschland eine Frau aufgrund von Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. Täter sind mit knapp 76 Prozent vorwiegend Männer. Ein Großteil der häuslichen Gewalt betrifft mit etwa 64 Prozent die Partnerschaftsgewalt. Hier sind etwa 79 Prozent der Opfer Mädchen und Frauen. Knapp 78 Prozent der Täter sind Männer.
Der SOS-Gruppe wurden aktuelle Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik Sachsen-Anhalt vorgestellt, welche den erschreckenden Trend auch für die hiesige Region bestätigen. So gab es im Jahr 2024 in Sachsen-Anhalt knapp 8.400 Fälle häuslicher Gewalt, davon etwa 5.700 Fälle Partnerschaftlicher Gewalt. Seit dem Jahr 2021 ist das ein Anstieg um knapp 30 Prozent, der sich fast ausschließlich im Anstieg der Partnerschaftsgewalt begründen lässt. Für Sachsen-Anhalt liegen auch schon die Zahlen für das Jahr 2025 vor, die erneut gestiegen sind. So gab es im Vorjahr etwa 8.800 Fälle häuslicher Gewalt; davon etwa 6.000 Fälle von Partnerschaftsgewalt.
Für den Burgenlandkreis ist die Polizeiinspektion Halle (Saale) zuständig. Etwa 23 Prozent der Gewaltopfer, die hier Anzeige erstatten, stammen aus dem Burgenlandkreis. Im Jahr 2026 wurden fast 700 Fälle häuslicher Gewalt für den Burgenlandkreis registriert (Anstieg um 50 Prozent im Fünfjahresvergleich). Das sind knapp 740 Opfer häuslicher Gewalt. Auch hier ist die zunehmende Partnerschaftsgewalt der Hauptgrund für den Anstieg der Fallzahlen. Die Täter sind größtenteils Männer (78 Prozent). Insgesamt 82 Prozent der Täter sind Deutsche. Die Gewalttaten werden zu 88 Prozent von volljährigen Personen verübt.
„Das sind alarmierende Statistiken. Und das sind lediglich die polizeilich angezeigten Fälle. Das Dunkelfeld ist noch viel größer“, sagte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Weißenfels Katja Henze und stellte den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der SOS-Gruppe die aktuelle Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend vor, die in einem Schwerpunkt Gewalterfahrungen innerhalb und außerhalb von (Ex-) Partnerschaften aufgreift.
Im Ergebnis zeigt die Studie, dass Partnerschaftsgewalt weit verbreitet ist und nur etwa 5 Prozent der Fälle angezeigt werden. Das bedeutet, dass 19 von 20 Fällen nicht zur Anzeige gebracht werden und somit auch nicht in der oben aufgeführten Kriminalstatistik auftauchen. Etwa gleich viele Frauen wie Männer waren in ihrem Leben schon einmal von Partnerschaftsgewalt betroffen (18 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer). Frauen erleben jedoch häufiger und schwerere Übergriffe mit stärkeren körperlichen Verletzungen. Bei sexualisierter Gewalt (Belästigung, Stalking, Übergriffe) gibt es deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen sind hier deutlich mehr betroffen als Männer. Zudem zeigt die Studie, dass jüngere Menschen häufiger von Gewalt betroffen sind als ältere Menschen. Darüber hinaus weisen in nahezu allen Gewaltformen Personen mit Migrationsgeschichte und queere Menschen eine höhere Gewaltbetroffenheit auf.
Gewalt gegen Frauen geht der Dunkelfeldstudie zufolge überwiegend von Männern aus (98 Prozent der Partnerschaftsgewalt, 90 Prozent der sexualisierten Gewalt, 70 Prozent der digitalen Gewalt). Gewalt gegen Männer muss differenzierter betrachtet werden. So geht 95 Prozent der Partnerschaftsgewalt gegen Männer von Frauen aus. Aber 50 Prozent der sexualisierten Gewalt gegen Männer geht von Männern aus und 64 Prozent der digitalen Gewalt gegen Männer geht von Männern aus.
Die weit verbreitete Annahme, dass die Scham über erlebte Partnerschaftsgewalt bei Männern sehr viel höher ist als bei Frauen und dass dementsprechend das Dunkelfeld im Falle von Gewalt gegen Männer stark erhöht ist, widerlegt die Studie. Obwohl Männer weniger von Gewalt betroffen sind, zeigen sie die Taten häufiger an als Frauen.
„Sowohl die Kriminalstatistik als auch die Dunkelfeldstudie zeigen: Gewalt ist geschlechtsspezifisch und somit ein gesamtgesellschaftliches Thema systemischen Ausmaßes“, sagte Katja Henze.
Die Auswirkungen der zunehmenden Gewalt bekommen auch die hiesigen Institutionen des Hilfesystems zu spüren. So befinden sich in Sachsen-Anhalt vier Interventionsstellen mit insgesamt neun Mitarbeiterinnen. Anlaufstelle für Betroffene aus dem Burgenlandkreis ist die Interventionsstelle in Halle (Saale). Die dortigen Mitarbeiterinnen nehmen spätestens 48 Stunden nach einem Polizeieinsatz Kontakt zu den Opfern auf, beraten diese und vermitteln zu verschiedenen Stellen des Hilfenetzwerks. Mehr als 5.000 Beratungen wurden im Jahr 2025 in Halle (Saale) durchgeführt. Auffällig war der Anstieg der Fälle von Stalking. Ab Mai 2026 bietet die Interventionsstelle nach vorheriger Terminvereinbarung auch Beratungen in Weißenfels an (0345 6867907, 0345 6858370, interventionsstelle@awo-halle-merseburg.de ). Immer donnerstags wird bei Bedarf eine Mitarbeiterin vor Ort sein. Dafür stellt die Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt LICHTUNG des AWO Sozialwerks Halle (Saale) gGmbH ein Büro in ihren neuen Räumlichkeiten in der Naumburger Straße 85 zur Verfügung.
Eine Beratung für Betroffene von Gewalt bietet ebenfalls das Frauenhaus in Weißenfels an. Das Angebot kann auch von Nicht-Bewohnerinnen in Anspruch genommen werden. Derzeit leben acht Frauen und 16 Kinder im Frauenhaus. Die Einrichtung ist damit überlastet, da sie eigentlich nur für sieben Frauen und zehn Kinder ausgelegt ist. Im Jahr 2025 hatte das Frauenhaus in Weißenfels insgesamt 25 Frauen und 26 Kinder aufgenommen. Die Auslastung lag für die Frauen bei 91 Prozent und für die Kinder bei 97 Prozent. In 56 Fällen mussten Hilfsanfragen aufgrund der Vollbelegung abgelehnt werden.
Ein kostenfreies Beratungsangebot für queere Jugendliche sowie deren Angehörige und Bezugspersonen hält Pro Familia im Projekt „Queerverbindung“ bereit. Interessierte können unter anderem per Telefon (Anruf oder WhatsApp 015565681045) oder per E-Mail queerverbindung.blk@profamilia.de Kontakt aufnehmen.
In der SOS-Gruppe wurde zudem berichtet, dass in Halle (Saale) das Täterprogramm für gewaltausübende Männer wieder mit zwei Beratern besetzt ist. Die Fachstelle richtet sich an Männer und männliche Heranwachsende, die psychische oder körperliche Gewalt gegen ihre (Ex)Partnerinnen ausgeübt haben und die Konflikte in der Partnerschaft zukünftig gewaltfrei lösen wollen. Nach einer Erstberatung folgt ein regelmäßig stattfindendes Gruppenangebot zur weiteren Begleitung.