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Datum: 27.04.2026

Spuren sichern, Zeit gewinnen, selbstbestimmt entscheiden

Der Sitzungssaal des Weißenfelser Rathauses war am 17. April 2026 bis auf den letzten Platz gefüllt. Etwa 50 Fachkräfte aus der Jugendhilfe, Pädagogik, Migrationsberatung, Drogenhilfe und anderen Berufsfeldern nahmen an der Weiterbildung „Vertrauliche Spurensicherung“ des Netzwerks „Evidence“ (deutsch: Beweis) teil. Das kostenfreie Angebot haben die Gleichstellungsbeauftragten der Städte Weißenfels und Naumburg sowie des Burgenlandkreises organisiert. In einem Vortrag erläuterte Dr. med. Carolin Richter, Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Halle (Saale) und Projektkoordinatorin für die Vertrauliche Spurensicherung bei „Evidence“, wie die vertrauliche Spurensicherung Betroffenen neue Handlungsspielräume eröffnet. Anja Spiegel, Ärztin in der Notaufnahme des Weißenfelser AKLEPIOS Klinikums, erklärte anschaulich die Abläufe in der Praxis.

Das Kooperationsprojekt „Evidence“ ist ein im Jahr 2022 von der Universitätsmedizin Halle (Saale) initiiertes Projekt zur Vertraulichen Spurensicherung in Sachsen-Anhalt. Es wird durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt gefördert. Inzwischen arbeiten in dem Netzwerk sechs Kliniken zusammen. Vier weitere sollen noch hinzukommen. Nach häuslicher oder sexualisierter Gewalt gewährleisten sie eine qualitätsgesicherte, rechtlich korrekte Dokumentation und Aufbewahrung von Befunden und Spuren – vertraulich und unabhängig davon, ob die Betroffenen anschließend Anzeige erstatten oder nicht.

Eine dieser Krankenhäuser ist seit Dezember 2025 das ASKLEPIOS Klinikum in Weißenfels. Es ist die einzige Anlaufstelle für die Vertrauliche Spurensicherung im Burgenlandkreis. „Betroffene können sich für die vertrauliche Spurensicherung jederzeit, ohne Termin in der Zentralen Notaufnahme melden“, sagte Anja Spiegel. Speziell geschultes Personal führe dann eine körperliche Untersuchung durch, bei der Verletzungen in Schrift und Bild dokumentiert und forensische Beweise wie beispielsweise DNA oder chemische Substanzen gesichert werden. Neben der Spurensicherung werden Wunden natürlich auch medizinisch versorgt. Zudem können Anja Spiegel und ihre Kollegen auf Wunsch Kontakte zu weiteren Hilfs- und Unterstützungsangeboten vermitteln.

„Die gesamte Untersuchung ist für Betroffene kostenfrei und vor allem vertraulich. Niemand erfährt, dass sie im Krankenhaus waren. Über die Krankenkasse wird anonym abgerechnet. Die Polizei wird nicht informiert“, ergänzte Dr. med. Carolin Richter. Die Spuren und Beweise werden 30 Jahre lang im Institut für Rechtsmedizin in Halle (Saale) aufbewahrt. Betroffene erhalten damit Zeit, zur Ruhe zu kommen und in einer psychisch stabileren Situation zu überlegen, welchen Weg sie gehen möchten. Sollten sie sich für eine polizeiliche Anzeige entscheiden, können die Befunde aus der Vertraulichen Spurensicherung jederzeit über das Evidence-Netzwerk angefordert werden. 

„Dieses Angebot ist so wichtig – vor allem im ländlichen Raum. Häusliche und sexualisierte Gewalt sind nach wie vor schambesetzte Themen. Die Vertrauliche Spurensicherung stärkt Betroffene in akuten Situationen, nimmt ihnen den unmittelbaren Entscheidungsdruck und erweitert ihren Handlungsspielraum“, sagte die Weißenfelser Gleichstellungsbeauftragte Katja Henze. Ihr ist es deshalb ein großes Anliegen, dass dieses Angebot sowohl in der Bevölkerung als auch bei Polizei und Unterstützungsnetzwerken bekannt wird. „Die Fachkräfte sind sehr dankbar für die heutige Weiterbildung, weil sie ein neues Instrument an die Hand bekommen haben, um in ihren Beratungen Gewaltbetroffene sicherer zu machen, sie zu stärken und ihnen selbstbestimmte Entscheidungen zu ermöglichen“, sagte Katja Henze.