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Datum: 28.04.2026

Weißenfelser Fachtag setzt Fokus auf Traumatisierung und traumasensible Hilfe

Der Weißenfelser Fachtag „Sexualisierte Gewalt“ fand am 22. April 2026 im Kulturhaus statt. Es war bereits die vierte Auflage der interkommunalen Veranstaltung. Nachdem in den vergangenen Jahren bereits Prävention, Intervention und Aufarbeitung im Fokus standen, ging es dieses Mal um das Thema „Traumatisierung“. Organisiert wurde der kostenfreie Fachtag von den Gleichstellungsbeauftragten der Städte Weißenfels und Naumburg sowie des Burgenlandkreises. Erstmals unterstützte auch das Jugendamt des Burgenlandkreises die Tagung, die in diesem Jahr Teil der Veranstaltungsreihe „Gewaltschutz und Prävention“ war. Für die fachliche Umsetzung war die Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt LiCHTUNG! vom AWO Sozialwerk Halle (Saale) gGmbH zuständig. Grußworte richteten die Landesgleichstellungsbeauftragte Sarah Schulze und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Weißenfels Katja Henze an die Gäste. Mit 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – vordergründig aus der Sozialen Arbeit beispielsweise aus den Bereichen Bildung, Verwaltung und Justiz – war der Fachtag bis auf den letzten Platz ausgebucht. Nach einem Impulsreferat von Astrid Herrmann-Haase, Sexualwissenschaftlerin und Traumafachberaterin bei LiCHTUNG!, fanden vier Workshops statt, in denen es unter anderem um Aufarbeitungstechniken, Stabilisierungsmöglichkeiten, die Angst vor Re-Traumatisierung und das Übersetzen von destruktiven Verhaltensweisen ging.

„Die erst vor wenigen Tagen durch das Bundeskriminalamt veröffentlichte Kriminalstatistik zeigt, warum unser Fachtag zur sexualisierten Gewalt notwendig ist: Mehr als 130.000 Sexualdelikte wurden im Jahr 2025 erfasst. Das sind mehr als 350 Fälle pro Tag. Und das Dunkelfeld ist noch viel größer, denn bei häuslicher Gewalt werden 19 von 20 Fällen nicht angezeigt und tauchen somit in diesen Statistiken gar nicht auf“, sagte Katja Henze. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Sozialen Arbeit und anderen Berufsfeldern des Beratungs- und Hilfesystems begegnen diesen Betroffenen – und das oft früher, als es jede Statistik abbilden kann und vor allem nicht immer eindeutig erkennbar. Denn Traumatisierungen wirken zwar ein Leben lang auf eine Person ein, viele Betroffene ahnen davon aber nichts, weil sie Strategien entwickelt haben, um im Alltag zu funktionieren, ohne über das Erlebte sprechen zu müssen – eine belastende Situation, die sich in destruktivem Verhalten in Beziehungen und auf Arbeit, in Selbstschädigung, emotionaler Taubheit oder Überreaktionen äußern kann. „Das ist nicht nur für die Betroffenen selbst herausfordernd, sondern auch für die Fachkräfte, die mit diesen Reaktionen umgehen müssen und eventuell an Grenzen kommen. Genau hier setzte der Fachtag an. Er beleuchtete die Besonderheiten sexualisierter Traumatisierung und deren Bedeutung für die professionelle Praxis. Ziel war es, Fachkräfte in ihrer Handlungssicherheit zu stärken und Impulse für eine traumasensible Arbeit zu geben“, sagte Katja Henze. Dabei wurden die Teilnehmenden auch ermutigt, auf ihre eigene seelische Gesundheit zu achten. Denn wer andere unterstützt, braucht ebenso die Fähigkeit, sich selbst zu schützen.

Der Fachtag in Weißenfels wird von den Gleichstellungsbeauftragten initiiert, weil Katja Henze und ihre Kolleginnen den engen Zusammenhang von sexualisierter Gewalt mit strukturellen Ungleichheiten, Machtverhältnissen und geschlechtsspezifischer Gewalt aufzeigen möchten. „Es ist unser Auftrag, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, Netzwerke zu stärken und fachliche Impulse zu setzen. Und das gilt ausdrücklich auch für den ländlichen Raum wie Weißenfels. Gerade hier braucht es verlässliche Strukturen, Austausch und Sensibilisierung. Solche Angebote sind kein Zusatz – sie sind Teil der Daseinsvorsorge“, sagte die Gleichstellungsbeauftragte der Saalestadt. Zudem werde damit ein klarer Auftrag umgesetzt, denn die Istanbul-Konvention verpflichtet Deutschland – auch auf kommunaler Ebene – Gewalt zu verhindern, Betroffene zu schützen und Strukturen zu stärken.